Rede zur Amtseinführung
…
Als ich mich auf meine neue Aufgabe als Schulleiterin der Justin-Wagner-Schule vorbereitete, stellte sich mir vor allem die Frage:
„Was ist für mich eine gute Schule und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für mein Handeln als Schulleiterin? Was will ich neben den Aufgaben, die in der Dienstordnung formuliert sind, bewirken?“
Nun sind die Vorstellungen von einer „guten Schule“ naturgemäß vielfältig.
Allerdings gibt es allgemein anerkannte Kriterien, die die Qualität von guter Schule ausmachen, wie insbesondere die folgenden, von der Universität Bern aufgestellten. Demzufolge zeichnet sich gute Schule aus durch
- ein hohes leistungsorientiertes Schulethos
- eine eigene, ausgeprägte, alle Bereiche umfassende Schulkultur
- gute Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schulleitung
• den methodisch-didaktischen Konsens eines personell stabilen Lehrerkollegiums
• regelmäßige Weiterbildung des Lehrerkollegiums
• eine Schulleitung, die bereit und fähig ist, die Schule im Sinne von «Leadership» zu führen
• wirksam genutzte Unterrichtszeit und wirksam genutzte Ressourcen
• die Fähigkeit zur Selbstentwicklung bzw. zur stetigen Weiterentwicklung der Schule
Ich füge noch hinzu, dass eine gute Schule eigenaktiv ist, sie ist voller Tatendrang, in ihr gibt es eine Basis für Vertrauenskultur mit Fehlertoleranz und gegenseitiger Unterstützung.
Weil der Mensch eine Sache gut macht, wenn diese ihm Freude bereitet, wenn er ihr mit eigener Motivation nachgeht und sich in und mit der Sache auskennt, wie der Lernpsychologe Prof. Spitzer sagt, zeichnet sich eine gute Schule meiner Meinung nach insbesondere auch aus durch Lernfreude bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Lehrerinnen und Lehrern.
Eine gute Schule sollte von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt geprägt sein. Vor allem aber sollte eine solche Schule ein Ort sein, wo Menschen Träume haben und sie gemeinsam verwirklichen.
Ich bin sicher, dass diese Kriterien auch hier und heute auf breite Zustimmung stoßen werden. Alle, die wir an Schule beteiligt sind, Schule gestalten, in Schule arbeiten, Kinder an Schulen schicken, uns über Erziehung und Qualität von Bildung Gedanken machen, wünschen uns die Umsetzung solcher Qualitätsmerkmale.
Kann uns aber „gute Schule“ entsprechend der genannten Aspekte wirklich gelingen?
Wir sind als Lehrerinnen und Lehrer, als Schulleitungen in großem Maße dafür verantwortlich, jedoch sind wir nicht allein entscheidend:
Die Kultus- und Schulbehörde, der Schulträger, die Gemeinde, vor allem auch die Eltern sind ebenso „im Boot“. Da geht es um gesetzliche Vorgaben, um das Schaffen angemessener Lernorte, um Kooperation und Unterstützung in vielerlei Hinsicht:
Sei es bei der Ausstattung mit fachlich qualifiziertem und auf die Bedürfnisse der Schule ausgerichtetem Lehrpersonal; sei es ein bedarfsorientiertes Angebot von Schulsozialarbeit an der einzelnen Schule; seien es adäquate räumliche und sächliche Ausstattungen, die aktuellen Anforderungen und Entwicklungen Rechnung tragen wie z.B. eine angemessene EDV-Ausstattung oder z.B. auch schulische Arbeitsräume für Lehrkräfte oder sei es die Eigenverantwortlichkeit, die viel zitierte Selbstständigkeit von Schule.
Die Justin-Wagner-Schule ist mittlerweile in das Programm Familienfreundliche Schule mit pädagogischer Mittagsbetreuung aufgenommen. Ein Angebot auf dem Weg zur Ganztagsschule, das wir gerne annehmen und ausbauen wollen.
Hartmut von Hentig sagte vor Jahren:
Ich habe eigentlich immer gefunden, dass die Ganztagesschule eine riesige Veränderung, vielleicht die größte überhaupt, der durchgreifendste Reform-Impuls wäre, den wir haben könnten. Wir haben die unsinnige Aufteilung von: es gibt Belehrung durch Unterricht und es gibt Leben und für das Zweitgenannte ist die Familie da. Die andere Aufgabe der Schule: “to be a place for kids to grow up in“, die wird durch die Ganztagesschule eingefordert, wird dort erst ermöglicht.
Das ist mir wichtig:
Schülerinnen und Schülern sollen diese Schule als Lebensraum vorfinden. Sie sollen gerne in die Justin-Wagner-Schule kommen, Unterricht erleben und mitgestalten, der fachlich anspruchsvoll ist, Leistung einfordert, individuelle Schwächen wie auch Stärken fördert; die Schülerinnen und Schüler sollen das Angebot freiwilliger Arbeitsgemeinschaften und Fördermaßnahmen wahrnehmen, das Schulleben aktiv mitgestalten und partizipieren. In einer Ganztagsschule ist all dies möglich und jede und jeder kann hier mehr vorfinden als bloßen Kenntniserwerb.
Schule hat mittlerweile ihren einstigen Einschüchterungscharakter verloren, das ist gut. Aber dies hat Nebenwirkungen, die die positiven Effekte untergraben könnten.
Susanne Gaschke sagt in „Die Erziehungskatastrophe“:
„ Eltern drohen zu Hause nicht mehr mit dem strengen Lehrer, aber sie respektieren ihn auch selbst nicht länger als fachliche oder pädagogische Autorität. Solche Eltern betrachten Schulen als Dienstleistungsunternehmen mit pädagogischem Service-Personal, das vor allem dazu da ist, ihnen lästige Erziehungsaufgaben abzunehmen.“
Erziehung wird an die Schule delegiert. Gesellschaftliche Veränderungen bewirken eine Veränderung der Anforderungen an den Beruf des Lehrers.
Dessen Aufgaben werden ständig komplexer, Rahmenbedingungen werden nicht unbedingt besser, eine zunehmende Verbürokratisierung ist zu beobachten, Verhaltensprobleme von Schülern nehmen zu, gleichzeitig lässt die Unterstützung durch die Elternhäuser nach, originäre Erziehungsaufgaben werden an die Lehrkräfte delegiert.
Gute Schule zeichnet sich auch dadurch aus, dass Lehrkräfte ihrem eigentlichen Auftrag, Wissen zu vermitteln, nachkommen können. Dass Zeit, die sie für ihre Schülerinnen und Schüler haben sollten, nicht durch immer neue bürokratische Aufgaben, deren Sinn sich oftmals nicht erschließt, gebunden wird. Dass Eltern mit ihnen und nicht gegen sie arbeiten. Dass die Schulleitung individuelles Potenzial erkennt und fördert, berät und unterstützt. Und dass die Gesellschaft anerkennt, wie komplex die Anforderungen an die Lehrkräfte von heute sind und wie wertvoll deren Arbeit ist.
Hartmut von Hentig hat 2001 in seinem Buch über Werte betont, dass die Schulen und Lehrer erstmals in der Geschichte vor der Aufgabe stehen, die Schüler auf das Leben in einer Welt vorzubereiten, die man in weiten Teilen noch nicht kennt.
Deshalb muss gute Schule lernen zu lernen. Alle an Schule Beteiligte müssen lernen. Es führt nicht weiter, Vergangenes herbei zu sehnen oder sich am Status Quo festzubeißen. Wir müssen uns verändern, wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler auf die unbekannte Welt angemessen vorbereiten.
Seit Beginn dieses Schuljahres gehöre ich zur Justin-Wagner-Schule und möchte die eingangs gestellte Frage, ob gute Schule gelingen kann, an dieser Stelle bejahen:
Vieles von dem, was gute Schule für mich kennzeichnet, fand ich hier vom ersten Tage an vor:
Schülerinnen und Schüler, die sich auszeichnen durch freundliches, respektvolles Verhalten und einen guten Umgang untereinander. Ein Lehrerkollegium, das äußerst engagiert, aufgeschlossen und kooperativ ist. Kompetente Kolleginnen und Kollegen in der Schulleitung, die die vielfältigen Aufgaben vorbildlich erfüllen und von Beginn an sehr kooperativ waren. Eine Elternschaft, die vom ersten Tage an signalisierte:“Mit uns können Sie rechnen. Uns liegt etwas an dieser Schule. Wir wollen etwas für diese Schule tun.“ Ich fand hier zwei Schulsekretärinnen und Hausmeister vor, die effektiv und engagiert die anfallende Arbeit erledigen, dabei immer ein freundliches Wort für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer wie auch für jedermann sonst haben. Auch das trägt zu einem positiven Schulklima bei.
Die Justin-Wagner-Schule hat einen guten Ruf im Landkreis und den hat sie – wie ich finde – zu Recht. Es ist hier viel getan worden und es wird viel getan. Die Schülerinnen und Schüler stehen im Mittelpunkt,- genau so soll es meiner Meinung nach auch sein.
Der Bericht der Schulinspektion, der im Februar dieses Jahres vorgelegt wurde, weist aus, dass die Stärken der Justin-Wagner-Schule u.a. in einem wertschätzenden Umgang miteinander liegen, der sich in einer positiven Lernatmosphäre widerspiegelt. Lehrkräfte würden sich in hohem Maße über die Lern- und Persönlichkeitsentwicklung einzelner Schülerinnen und Schüler verständigen und entsprechende Absprachen treffen. Eltern würden Gestaltungsspielräume eingeräumt, die Elternschaft zeichne sich aus durch aktive Unterstützung der Schule. Der Unterricht sei gekennzeichnet durch eine deutliche Ausrichtung auf Anwendungssituationen und die Unterrichtszeit würde lernwirksam genutzt.
Im Schulinspektionsbericht ist auch von Schwächen die Rede. So muss gearbeitet werden an der schulspezifischen Entwicklung, an verbindlichen Zielen und Evaluationsmaßnahmen. Zur Zeit sind wir dabei, das Schulprogramm entsprechend zu überarbeiten. Entwicklungsbedarf gibt es ebenfalls im Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen, Stichwort ist hier die individuelle Förderung – wie wir wissen ist dies ein Bereich, der in vielen Schulen thematisiert wird. Letztendlich sollen Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von Reflexionsverfahren und Methoden selbstständigen, kooperativen Lernens verstärkt in die Verantwortung genommen werden für ihr eigenes Lernen.
Ich finde, es ist gut, dass neben den genannten Stärken auch die Schwächen einer Schule, dieser Schule deutlich formuliert sind.
Wir sollten das nicht als bloße Kritik sehen, die unsere Arbeit nicht wertschätzt oder sie gar unterschätzt. Wir sollten uns im Gegenteil ermutigt fühlen auf unserem bisherigen Weg gemeinsam mit allen Beteiligten weiter zu gehen. Dieser Weg darf dann aber gerne auch ein paar neue Wendungen erfahren, er darf uns in Gegenden führen, die wir noch nicht kennen, die wir uns erst erschließen müssen.
Gute Schule, ich erwähnte es zuvor, ist für mich eine lernende, eine lernfreudige Schule. Wir müssen bereit sein, uns auf Veränderungen einzustellen und Herausforderungen anzunehmen.
Ich möchte als Schulleiterin dazu beitragen, dass vorhandene Stärken der Justin-Wagner-Schule sich verfestigen und in die Zukunft mitgenommen werden.
Ich möchte aber auch – gemeinsam mit den Kolleginnen, Kollegen und der Elternschaft – daran arbeiten, dass die Schülerinnen und Schüler weiterhin im Mittelpunkt stehen, dass ihnen auch in Zukunft Leistung abverlangt wird, sie verstärkt individuell gefördert und zu Selbstständigkeit angehalten werden, dass der Unterricht es ihnen ermöglicht, ihre Interessen einzubringen, dass sie im respektvollen und sozialen Miteinander lernen, wie wertvoll jeder Einzelne von ihnen ist , dass sie erfahren – und da zitiere ich ein weiteres Mal Hartmut von Hentig – was eine Gemeinschaft ist, wie nützlich die Erfahrung ist, nützlich zu sein.
Vor allem wünsche ich mir, dass die Justin-Wagner-Schule auch in der Zukunft für Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern ein Zuhause ist, ein Lebensraum, ein Ort, an dem wir mit Freude jeden Tag aufs Neue zusammen kommen. Dazu möchte ich als Schulleiterin meinen Beitrag leisten.
… Schließen möchte ich mit einem Zitat von Platon, der zu seiner Zeit Pädagogen einen Rat erteilte, der heute so aktuell ist wie in der Antike :
„Du darfst also, mein Bester, die Knaben nicht zwangsweise in den Wissenschaften unterrichten, sondern spielend sollen sie lernen: so kannst du auch besser erkennen, wofür ein jeder von Natur bestimmt ist.“
